Eine Gegenrede zu
@Florian Ockenfuss: Meine Chefin, Alexandra Geese, Digitalexpertin im Europäischen Parlament und 55 Jahre alt hat sich jetzt dazu entschlossen auf die TikTok zu gehen. Sie sagt, dass wir den Kampf gegen China verloren haben, wir können ihn nicht auch noch gegen die AfD bei den Jungwähler*innnen verlieren.
vom 17.1.24 in Signal Group
Ich hab nicht wirklich verstanden, was das Alter einer Abgeordneten mit der Frage zu tun hat, ob eine Präsenz grüner Inhalte auf Tiktok funktionieren kann oder nicht. Ich glaube NEIN, aber vermutlich bin ich dafür selber zu alt.
„wir haben den Kampf gegen China verloren“. Sorry für die harten Worte, aber das ist Bullshit. Und wäre eine Bankrotterklärung für jeden Politiker, der etwas verändern will. Ihr habt nicht „den Kampf gegen China oder die USA“ verloren. Sonden den Kampf gegen die Algorithmen aus den USA und China. Weil ihr sie a) nicht kontrolliert und b) weil ihr sie nicht verstehen wollt. Und weil grüne Politiker im Gesamten nichts dafür tun, damit alternative Medienangebote spürbar und für ihre potentiellen Wähler sichtbar gestärkt werden.
Es ist einfach naiv, wenn grüne Politiker glauben (egal ob DigitalexpertIn oder nicht), nur durch schlichtes „ich bin bei XXX dabei“ (XXX = Twitter/X, Tiktok, Facebook, Instagram, Bluesky oder Clubhouse - letzteres war Anno 2021 mal „der ganz heisse Scheiss“ …) könnten sie die öffentliche Meinung über Grüne Politik in der Nutzergruppe dieser Plattformen beeinflussen. Das „den digitalen Megatrends hinterher-schwimmen“ ist seit Gründung der ersten Plattformen vor fast 20 Jahren gescheitert und einfach viel zu wenig. „Digital souveränes Handeln“ ist das Gegenteil dessen, was 95% Prozent der Politiker heutzutage praktizieren - egal ob die Parteifarbe dahinter rot, grün, schwarz oder gelb ist.
Alle kommerziellen Werbeplattformen (der Begriff „soziales Netzwerk“ ist falsch) arbeiten mit algorithmischen „Emotionsverstärkern“. Dort punkten verkürzte , emotionale und witzige Botschaften (je nach persönlichem Humor-Empfinden) sowie damit verknüpfte Inhalte. Schlichte Botschaften, die den Konsumenten wie eine Koks Linie euphorisieren, sind im Vorteil und damit notgedrungen tendenziell extremere politische Positionen. Komplexe Bilder, reflektierte, erklärbedürfige und eher „langsame“ Botschaften sind im Nachteil.
Es wäre nützlicher, wenn aktive grüne Politiker das Gesamtbild ihrer digitalen Medienpräsenz strategisch kritisch hinterfragen und durchdenken würden. Warum kämpft man im EU Parlament gegen digitale Monopole aus USA und China, publiziert aber gleichzeitig die eigenen Statements fast ausschliesslich auf genau diesen kommerziellen Plattformen wie Twitter/X, Faxenbuck/Instagram und Tiktok? (von Ausnahmen wie K.v. Notz mal abgesehen). Warum lockt man die Wähler mit dem selbst-erzeugten Content freiwillig auf diese Werbeplattformen, statt die Publikation der eigenen Inhalte taktisch zu steuern?
Eine strategisch und taktisch durchdachte Publikations-Politik würde z.B. grüne Inhalte immer zuerst und zeitnah auf selbst-verwalteten, nicht-kommerziellen, dezentralen und digital souveränen Plattformen veröffentlichen. Höherwertige Inhalte wie Podcasts, echte Dialog-Formate z.B. in moderierten Foren und längere Videos wäre immer zuerst dort zu finden und erst später auf kommerziellen Werbeplattformen. Diese könnte man auch inhaltlich „abwerten“, indem man sie z.B. primär mit kurzen Info-Bits und Querverweisen bespielt. Man würde sie -angesichts der grossen Reichweiten in diesen Plattformen- nicht ignorieren. Sie jedoch in seiner Informations-Politik ganz bewusst und aktiv an die zweite Stelle setzen.